Weihnachtliche Opfergaben
Es ist doch faszinierend, wie bestimmte abgegrenzte Räume zu Geld-Opfer-Orten werden.
Ich komme nicht so recht dahinter, ob es sich bei diesem Beispiel aus dem Bahnhof Hannover – eine Vitrine mit einer Winterlandschafts-Bimmelbahn-Miniatur die oben offen ist – um eine Schwarmaktion handelt, oder ob die Leute wahrhaftig Geld hinein werfen, um einer transzendenten Wirklichkeit Gedanken zu zollen. Oder es ist vielleicht auch nur ein Elter mit seinem Kind, welches auch mal werfen darf. Aber wer hat damit angefangen? Das ist so ähnlich wie die Frage, wer im Flugzeug bei 12.000 Fuß als erster unheimlich großen Appetit auf Tomatensaft hatte. Unlösbar.
War es letzten Endes ein Spiel der Betrunkenen, derer es ja wochenends reichlich gibt, die eine Stunde lang „Ich kannda noch mehr Kleingeld da reinschmmmeißn chhhh“ gespielt haben? Offensichtlich haben dabei alle gewonnen.
Klingelbeutel, heilige Figuren und Orte, Teiche, Coffee2go-Becher von ObdachlosInnen und nun auch alberne Märklin-Exponate. Was kommt im Jahr 2013? Vielleicht Baustellen? Die sind auch abgesperrt. Nächstes Jahr sind wir wenigstens alle tot. Ich mache am 21. Dezember noch meine letzte Seminarsitzung. Es geht dabei um die Nichiren-shū, die buddhistische Schule von Nichiren, der im 13. Jahrhundert in Kamakura (heute nahe Yokohama) wirkte. Er sah die Endzeit (jap. mappō) anhand von Angriffen der Mongolen in Korea, Erdbeben und allerlei anderen sozialen Nöten hereinbrechen. Nur mit dem daimoku, dem einzig allein rezitierten Namen des Lotos-Sutras, könne man noch zum Heil finden.
In diesem Maya-Sinne: namu myōhō renge kyō (= Lobpreis sei Dir, wahres/edles/lebensspendendes Lotos-Sutra)
紅葉狩り
Was wenn?
Stille Vertraute
Liebe liebe Karoline,
jeden Tag begegne ich Dir in meiner Straße. Unserer Straße. Jeden Tag male ich mir aus, wie Du wohl ausgesehen haben magst. Ich stelle mir Dich als lustige Person vor, mit hellen Haaren und ordentlich Kneepe. Du bist nicht sonderlich klein, gehst stets aufrecht und sicheren Schrittes. Norddeutsch eben.
Als Du abfuhrst, da warst Du schon alt. Ob du damals ruhig warst? Was hast Du gedacht? Wie war Dein Leben in der Alten Neustadt? Wie war wohl Bremen damals? Was hast Du gedacht?
Du lebst auch heute noch in unserer Straße. Unbemerkt und still bist Du, Menschen gehen an Dir vorüber und sehen Dich meist nicht. Aber ich bin über Dich gestolpert.
So will ich Dir heute endlich mal schreiben. Schade, dass wir uns nicht mehr unterhalten können, Du hättest sicher einiges zu erzählen gehabt. Seit Deiner Geburt war ja einiges passiert.
So bleibt mir nur, Dir allerbeste Wünsche zu schicken.
Dein Marcus
Nordisch by nature
Am Deich, da weht ein Wind,
am Deich, da grast ein Kind.
Am Deich, da legt es an –
Mit Schiff die Ware kam.
(Gedicht von Knut Heinzensen)
In Hamburg geht die Zollgrenze am Hafen sogar um die Ecke! Hanseatisch frisch, friesisch herb, Herbertstraße. Im Sommer ist der Hafen in Hamburg mit seinen Deichen und Kränen eine Wonne. Ähnlich wie auch die Überseestadt in Bremen kann man dort in einer surrealen Landschaft herumfahren. Man trifft nur wenig Fußgänger oder Privatleute. Dafür LKWs, Kräne, und manchmal auch komische Gestalten.
Schonungslos und indiskret
Die Entdeckung dieser Zeitung hat mir die Augen geöffnet: die deutsche Zeitschriften- und Presselandschaft ist sehr gut. Denn solange jedes niedrigste Niveau von den Zeitschriften des Kelter-Verlags mit Leichtigkeit unterboten werden kann, geht die Lernkurve selbst beim Goldenen Blatt stetig bergauf. Überboten werden diese Geschichte nur von „Meine Lebenslüge“ oder vom wahren Leben. Man ist also ganz nah dran.
Auf der anderen Seite habe ich jetzt etwas Mut geschöpft: da ich gern als Autor tätig bin, und sich meine Begabung zu Höherem doch in Grenzen hält, könnte ich dort vielleicht die Chance bekommen, missratene Schmalztexte in Zweit- oder Drittverwertung zu Geld zu machen.
Arubaito
Bisher hatte ich immer gedacht, dass Baustellen nur in Japan von fünf ABM-Leuten bewacht werden, damit niemand umknickt (siehe hier). Aber an der Kreuzung Langemarckstraße/Osterstraße wird die Baustelle bewacht, was das Zeug hält. Kein einziges Mal wusste ich nicht, was tun ist. Ich ging daran entlang, und der Typ winkte mir. Hier lang, ja, hier, nein da, vielen Dank.
Krise
Krise, Krise, Krise. Und immer an die Loser, äh, Leser denken.
Neulich las ich einen Artikel, der davon sprach, in Zeiten der Wirtschaftskrise, die vermutlich seit der Steinzeit andauert, entschieden sich immer mehr Menschen, zum Pfandleiher zu gehen. Oder eben zum Zahnleiher.
Als ich heute auf dem Weg zum Religionsunterricht in Hannover durch die Innenstadt watschelte, entdeckte ich diese Möglichkeit, meine beiden Goldzähne zu Geld zu machen. Bisher habe ich das Angebot nicht wahrgenommen, aber tendenziell fühle ich mich ab jedem 20. eines Monats dem Gedanken näher.
Und wenn ich das Gold nicht abkriege, dann halt mit Zahn.
Schlimme Schmierereien
Das ist ein Aufruhr. Über Nacht sind an drei Orten in Bremen hohe Hauswände mit Regenbogenfarben beschmiert worden. Die drei Objekte: das GW2-Gebäude der Uni, ein Parkhaus und ein Gebäude des Finanzsenators. Schrecklich!
Die Presse in Bremen bildete eine einhellige öffentliche Meinung ab: Übeltäter, schlimm, grausame Tat, wir erwischen die, großer Schaden. Der Weserkurier, Bremens Tageszeitung, erwähnte aber auf knappem Raum auch andere Stimmen. Mitarbeiter wurden zitiert, die das Bunt an den Wänden sogar schöner finden.
Nachtrag im Dezember 2012: An der Uni sind die Farben noch dran. Das Parkhaus wurde renoviert, am Senator wurde übergestrichen.















